Die nächste Station
war der Kindersaal.
Im Schnitt mit fünfzig Neugeborenen belegt. Dort hat es mir gut gefallen. Nicht nur wegen der Babys, sondern weil ich endlich etwas lernte und viel “machen” durfte.
Putzen gehörte auch dazu, aber eben nicht nur. Wie überall war das Personal knapp, weil es ja uns Schülerinnen gab. Aber die komische Oberschwester war anderweitig beschäftigt , und so durften wir alles tun, was eben anfiel.
Babys baden, damals noch jeden Morgen. Nabelpflege, Kinder zu den Müttern bringen, sogar mit ihnen sprechen. Mit den Müttern natürlich
Säuglingspflege, wiegen, Kurven führen. Für mich wichtige Dinge, weil sie schon mit etwas Verantwortung verbunden waren. Wir hatten dort zwei Kindersäle, wovon einer auch über Inkubatoren, Wärmebettchen usw. verfügte.
Im Nachtdienst waren zwei Schülerinnen, und wir gingen im Wechsel immer mal wieder zur anderen Station. Hach……. das war toll. Und ich war still, in der Hoffnung dort “vergessen” zu werden.
Im Nachhinein gesehen haben wir zu der Zeit wenig bis Nichts über das Stillen gelernt. Das war nicht angesagt. Fast alle Mütter stillten nicht. Natürlich wurden damals vorhandene Grundkenntnisse vermittelt, aber mehr auch nicht.
Neben der Schule war ich immer noch schwer beschäftigt, und hatte auch noch einen Freund, der aus Schleswig- Holstein kam. Meine nicht vorhandenen Kenntnisse in Sexualkunde haben sich drastisch verbessert.
Theoretisch im Unterricht meine ich natürlich!
Etwas Praxis hatte ich schon vorher. Der erwähnte Freund hat die Theorie vertieft, und ich mußte immer neue Wege finden, nicht erwischt zu werden.
Vermeiden ließ sich das leider nicht immer. Die Schuloberschwester hat mich in der Beziehung nie vergessen.
Im Kindersaal aber schon, denn ich blieb dort sechs Monate.
Ich fand es toll, aber gut für die Ausbildung war es nicht. Mir war dieser Umstand nicht wirklich klar, aber das kam dann noch. Heute weiß ich auch, dass ich mitnichten vergessen wurde.
Immer noch die Hebammenschule
Ich habe etwas Zeit gebraucht, bis ich weiter bereichten konnte.
Seltsam, wie sehr einem manche Dinge zu schaffen machen, wenn man sie wieder ausgräbt. Eigentlich war ich bisher der Meinung alles ganz gut verbacken zu haben. Aber scheinbar war es nur erfolgreich verdrängt.
Wo war ich….bei den Nebenjobs.
Die Winterzeit überbrückte ich in einer Discothek. Nein, leider nicht mit tanzen, sondern hinter der Bar. Natürlich blieb das nicht verborgen, und die Oberschulschwester passte mich irgendwann ab.
Es gibt im Hebammengesetz verbotene Nebentätigkeiten. Also wenn man auf den Strich geht, kann einem das Examen aberkannt werden….oder so…
Nunja, da ich wohl sowieso schon unter Beobachtung stand, wurde mir mitgeteilt, diese Arbeit sei unmoralisch. Aha! Und wenn ich damit nicht aufhöre, würde ich von der Schule fliegen.
Ich frage mich wirklich ob die Oberschwester persönlich geguckt hat. Aber die wäre dort sicher aufgefallen. So ein Käse aber auch, denn mir machte das Spaß, und es war ziemlich lukrativ.
Okay, was sollte ich machen?
Nöööö ich habe dort nicht aufgehört, aber bin zur Garderobe gewechselt. Langweilig und viel weniger gut bezahlt, aber zumindest nicht “anstößig”. Vemutlich hat die Schulleiterin geschäumt, und das freut mich!! Immer noch!
An meinen Leistungen war nichts zu beanstanden. Ich hatte keine Bestnoten im Unterricht, aber sie waren okay. Auch diverse Zwischenprüfungen gaben keine Veranlassung, mich rauszuwerfen.
Ich habe immer so viel gemacht, dass ich in dieser Beziehung keine Angriffsfläche geboten habe. Ich war erst achtzehn, aber diese schreckliche Klosterschule war mir eine Warnung.
Seltsam, seltsam….nach schon vier Wochen wurde ich schon wieder versetzt. Keine Geburten mehr, sondern auf eine der Wochenstationen. Es gab zwei. Eine “Gute” und eine “Unbeliebte”.
Logisch, dass ich auf der Unbeliebten landete.
Dort lernte ich nicht sehr viel über das Wochenbett, Nähte, Rückbildung usw., aber über ein Höchstmaß an Putzarbeiten. Wir mussten Betten auswaschen und neu beziehen. Die vorhandenen Bettenzentrale war schlicht nicht besetzt. Schränke, Toiletten, Duschen und Nachtkonsolen putzen, desinfizieren und Betten neu beziehen. Die vorhanden Putzfrauen machten nur die Böden sauber. Den Rest der Zeit verbrachten sie in der Küche. Nicht zum Putzen, sondern sie teilten Essen aus, und waren mit anderen berufsfremden Arbeiten betraut.
Wir auch!
Diese Station hatte über vierzig Betten. Täglich mindestens zehn Entlassungen, eher mehr. Ab und zu durfte man im Kreißsaal entbundene Frauen abholen, oder Frauen mit Wehen hinbringen. Ich vergaß zu ewähnen, dass dort auch Schwangere untergebracht waren.
Wow, das waren Lichtblicke.
Grundsätzlich teilten alle Schülerinnen dort das gleiche Schicksal, bis auf wenige Ausnahmen.
Mir ist entfallen wie lange ich dort hockte, aber ich war immer noch wild entschlossen Hebamme zu werden.
Meine nächste Station war der Kreißsaal.
Als Anfängerin musst man dort……..putzen. Und Tupfer drehen!!!!! Damals wurden die noch gewaschen, auf eine bestimmte Weise zu Tupfern gedreht, und dann in eine sog. Tonne sterilisiert.
Diese Behältnisse mussten von uns bei Dienstbeginn mit Alkohol abgerieben werden. Nur damit sie schön glänzen….ja sehr sinnvoll das Ganze.
Es gab sechs Kreißsäle, diverse Nebenräume, mit haufenweise Tupfern. Damit war man den halben Dienst beschäftigt.
Diese Beschäftigungstherapie traf nicht alle Schülerinnen. Die Hebammen dort, hatten ihre Lieblinge, die wirklich ausgebildet wurden. Ich gehörte nicht dazu.
So ganz vermeiden konnten sie nicht, dass ich doch ab und zu irgendwo eingesetzt wurde. Ich sah ein paar Geburten, und wollte immer noch und erst recht Hebamme werden. Sonst hätte ich das nie ausgehalten. Allerdings habe ich mir geschworen, niemals an einer Hebammenschule zu arbeiten. So wollte ich nicht werden. Und ich hoffe, es ist mir gelungen.
In der Zwischenzeit hatte ich einen Hintereingang mit dem bestechlichen Nachtportier endeckt. Die Flüsterpropanganda der älteren Schülerinnen funktionierte gut.
Eigentlich war um 23.00 Uhr Zapfenstreich. Pöh…nicht für mich……ich ging in die Disco!!
Man muss bedenken, wo ich herkam. Dort gab es so etwas nicht. Wuppertal war für mich eine Weltstadt…hahahaaa.
Wir wurden erst mit 21 volljährig, und diese Regeln wurden mit Aufsichtpflicht begründet. Dabei gab es wesentlich ältere Schülerinnen, teilweise mit Kindern, die sich natürlich auch nicht daran hielten.
Egal, ich brauchte diese Fluchten, und ich brauchte Geld. Wir bekamen so gut wie nichts, und von meinen Eltern konnte ich keine Unterstützung erwarten.
Also suchte ich mir Arbeit. Neben dem Vollzeitdienst (42 Stunden), dem Unterricht und Stoff pauken, ging ich zunächst kellnern. Meist um die Mittagszeit. Aber bitte fragt mich nicht, wie ich das geschafft habe.
Hinter dem Krankenhaus war ein Freibad. Dort hatte ich im ansässigen Lokal gefragt. Die Besitzer kannten das schon, und waren flexibel, was die Zeiten anging.
Leider war es natürlich im Winter zu.
Und wie konnte es anders sein? Ich bekam Probleme. Heute denke ich, ich wurde angeschwärzt. Damals bin ich auf so etwas nicht gekommen.
Die Ausbildung
Wie angekündigt nun etwas mehr über die Schulzeit.
Mir fällt es etwas schwer darüber zu schreiben. Warum ich viel davon verdrängt habe, hat seine Gründe. Bei diversen Fortbildungen und Kongressen hörte ich von Kolleginnen immer das Gleiche: “Sie wollten uns das Rückgrat brechen.”
So war es. Warum bleibt mir bis heute unerklärlich. Hebammen tragen eine hohe Verantwortung, müssen eigene Entscheidungen treffen und auch dafür den Kopf hinhalten. Dazu braucht man Selbstsicherheit und ein gutes Gespür für seine eigenen Grenzen.
Darauf wurden wir nicht vorbereitet. Dieser Beruf ist von Erfahrung geprägt, die man als Schülerin nicht haben kann. Es kann sie einem auch keiner beibringen. Darum geht es nicht.
Im Nachhinein hätte ich aber erwartet, nicht nur Lehrstoff pauken zu müssen, sondern auch mit einem Bewußtsein für die zukünftige Verantwortung ausgestattet zu werden. Gestärkt in die Praxis zu gehen, und sich nicht alles selber erarbeiten zu müssen.
Ich hatte schon Übung durch die Klosterschule. Die meisten anderen Kolleginnen nicht. Ich kann nicht zählen, wie oft eine von uns heulend oder wütend aus dem Kreißsaal oder von der Station kam. Auch nicht, wieviele die Ausbildung im ersten Semester abgebrochen haben.
Natürlich wurde bei diversen Zwischenprüfungen fachlich gesiebt, völlig klar. Um die geht es dabei nicht.
Wir wurden klein gehalten oder gemacht. Auf vielen Stationen haben wir nur geputzt, Betten ausgewaschen und mehr. Auf einer der großen Wochenstationen ging es so weit, dass die Putzfrauen Frühstück gemacht und ausgeteilt haben, und wir deren Job machten.
Im Kreißsaal haben wir und immer davor getroffen und sind nur im Pulk zum Dienst gegangen. Je nachdem wer da Dienst hatt, auch schlotternd vor Schiss.
Ich kam zu Beginn auf eine Station, die so gar nichts mit dem Beruf zu tun hat. Dort lagen Frauen mit Krebs, anderen schweren Krankheiten, und/oder den Folgen von Hinterhofabtreibungen.
Dazu eine seltsame Oberschwester, die mir bis heute nachläuft. Ich mußte von ihr lernen, wie man aus Milchresten Quark macht.
Das ist kein Scherz.
Mir machten diese Patientinnen sehr zu schaffen, und jeden Tag Todesfälle war eindeutig zuviel für mich. Es gab auch keine Begleitung für uns. Da blieben nur die Zimmergenossinnen, die damit auch überfordert waren.
Nach sechs Wochen traute ich mich zur Oberin. Nicht zur Schulleiterin Warum nicht, kommt noch.
Ich also zur obersten Leitung….sie hörte mich auch an. Immerhin. Das Ergebnis war, dass ich dort nicht mehr hin musste. Aber das Ganze ging in einen sog. Führungsbogen als Strafversetzung ein.
Also eine Negativbewertung für die Zulassung zum Examen.
Und von da an war ich unten durch.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich das nicht. Selbst wenn, ich hätte es keinen Tag länger auf der Station geschafft.
Hebammenschule
Momentan stelle ich fest: ich habe ein Zeitproblem.
Trotzdem möchte ich natürlich noch weiter schreiben.
Wo war ich? Achja die Hebammenschule. Davon habe ich mindestens zwei Drittel verdängt.
Wir hatten dort vollen Dienst inclusive 3 Wochen lange Nachtwachen, Wechseldienste und immer dazu Unterricht. Nach dem Nachtdienst, davor oder dazwischen war ganz egal. Bezahlung gab es so gut wie keine. Das wurde mit wohnen und essen verrechnet. Keine Nacht- oder Rufbereitschaftszuschläge. Nichts. So blieb ein Taschengeld übrig.
Drei Wochen Urlaub, in dem Samstage, Sonntage und Feiertage als Ulaubstage galten.
Wir haben quasi den ganzen Betrieb getragen. In der Nacht gab es eine!! Krankenschwester für das ganze Haus, ansonsten überall nur Schülerinnen. Es war kein kleines Krankenhaus!!
Im OP kam nur für größere Eingriffe die OP- Schwester, sonst wieder nur Schülerinnen. Es gab noch eine Kinderschwester für evtl. Erstversorgungen, und im Kreißsaal leibhaftige Hebammen., die auch anwesend waren. Nun gut, zwei, und der Rest? Man kann es sich denken.
In den Mehrbettzimmern schlafen? Fehlanzeige. Eine von den Anderen hatte immer Pause oder frei. Wie sehr wir ausgenutzt wurden wurde mir natürlich nicht sofort klar. Dazu war ich zu jung und naiv.
Von Arbeitsrecht hatten wir alle keine Ahnung.
Lernen musste man ja auch noch, denn der Stoff war und ist nun wirklich nicht von Pappe.
Was aber den meisten Schülerinnen viel mehr zu schaffen machte, kommt im nächsten Artikel.
