Ich war immer noch schwanger
Die Pausen zwischen den Artikeln, muss ich kurz erklären.
Mir fällt es nach gefühlten einhundert Jahren immer noch schwer, an manche Dinge zurück zu denken. Da ich mich aber nun einmal entschlossen habe, dieses Projekt zu starten, brauche ich mehr Denkpausen als ich dachte. Zudem hatte ich ein langes Telefonat mit einer Uraltfreundin und Leidensgenossin aus diesen Zeiten. Sie hat mich in meinen Wahrnehmungen bestätigt. Danke Monika!!
Wo war ich…..
Bei der besagten Nachtwache….nunja, ich mußte nicht auf diese dämliche Radiumstation. Jeder Gedanke, dieses Kind nicht zu bekommen, oder mich aufzuhängen, es zur Adoption freizugeben, ein Pflegestelle zu suchen, und wasweißchnoch…….waren in diesem Moment vom Tisch.
Alle meinen schönen Zukunftspläne aber leider damit auch. Dabei wollte ich nach Südamerika in die Entwicklungshilfe. Heuuuuuuuuul…..:-(((
Eine Sicherheitsbewerbung in einer Münchener Privatklinik konnte ich auch in die Tonne drücken. Schwangere Hebammen nimmt man natürlich nicht. Meine Eltern und die restliche Familie verdrängte ich erstmal.
Zunächst also weiter mit der Ausbildung.
Es war Psychoterror.
Warum weiß ich auch nicht, ich war ja nun nicht die einzige Schülerin, die ein Kind bekam. Nunja….
In diesem Krankenhaus gab es einen großen Anteil an nicht normalen Schwangerschaften und Geburten. In so einem Zentrum ist es normal, dass sich solche Fälle häufen.
Nicht normal war aber, dass ich von dieser Kreißsaaloberhebamme nur noch für diese Frauen eingeteilt wurde. Ich hatte Fehlgeburten, Spätaborte, tote Kinder am Termin, schwere Störungen und körperliche Behinderungen zu betreuen. Mit ihr im Dienst, bekam ich keine einzige normale Geburt mehr zu sehen.
Da schüttelten sogar die sonst mir nicht so gewogenen Hebammen den Kopf. Nur die besagte Oberschulschwester grinste süffisant wenn sie mich sah. Sagte aber kein Wort.
Wie ich das ausgehalten habe ist mir ein Rätsel. Aber ich wollte Hebamme werden. Immer noch und erst recht. Zudem erwähnte ich schon, dass Aufgeben in meiner Familie nicht vorkam.
Damals wußte ich noch nicht, dass ich so gebacken bin. Hindernisse überwindet man und Widerstand stachelt mich an.
Nur noch wenig Zeit bis zum Examen
So ganz genau weiß ich es nicht mehr, aber ich kam einige Monate vor dem Examen doch noch in den Kreißsaal.
Niemals würde ich in einer Hebammenschule arbeiten schwor ich mir. Das habe ich auch eingehalten. Okay, schwer war es nicht, weil ich kein Einserexamen gemacht habe.
Die Oberhebamme war ein gute Freundin der Schulleiterin, und entsprechend wurde ich behandelt. Allerdings hatte die ja nicht Dauerdienst, und es gab auch nette Hebammen, die mich zum Zug kommen ließen.
So bekam ich doch noch mehr als die erforderlichen Geburten.
Nur stellte ich dann zu meinen größten Erschrecken fest, dass ich schwanger war……..achdusch..mit 19!!!!
Ich will hier nicht beschreiben, ich welche Konflikte mich das stürzte.
Durch meine erste Station hatte ich Frauen an Hinterhofabtreibungen sterben sehen. Neee……darauf hatte ich un wirklich keinen Bock.
Die Gesetzeslage war ganz anders, und um ins Ausland zu fahren, hatte ich kein Geld. Zu diesen Zeiten waren viele Frauen in holländischen oder englischen Krankenhäusern….
Ohmann und mir war sowas von üüüüüüüüüüübel…..Leider brachte diese Tatsache mit sich, dass zunächst meine Zimmergenossinen Verdacht schöpften.
Ich machte zuerst mal die Augen zu und hoffte, es stimme nicht.
Dann wurde ich im Nachtdienst mit der Obertrude für eine Wache auf der Radiumstion eingeteilt.
Sowieso unverantwortlich…so junge Frauen einer solchen Strahlenbelastung auzusetzen. In diesem Moment wurde ich seeeeeehr schwanger, und habe mich geweigert den Dienst zu übernehmen.
Mir wurde entgegengehalten, das könne ja jeder sagen, und ich hätte eine Bescheiningung zu bringen. Das hatte ich nicht vor. Die Prüfungen waren weit vor dem Mutterschutz, und ich wollte auch weiter alle Dienste mitmachen.
Wenn ich bisher gedacht hatte, ein schweres Leben zu haben, wurde ich eine Besseren belehrt. Es gab noch Steigerungen.
Der nächste Schritt in der Ausbildung
Das war eine Station, auf der Frauen für Operationen vorbereitet und nachbetreut wurden.
Im Prinzip wieder nichts, was ich als zukünftige Hebamme wirklich brauchte. Aber es war eine der beliebtesten Stationen bei allen Schülerinnen.
Natürlich ist so etwas zunächst interessant, aber dazu kam, dass wir wirklich eingebunden wurden.
Wir durften mit zu Visite (eigentlich undenkbar), bei Untersuchungen gucken und asssistieren. Tausend Dinge, die woanders nicht so waren. Es hat auch Spaß gemacht, die Frauen länger zu sehen und wirklich etwas tun zu können. Wundpflege, mobilisieren usw. gehörten mit zu unseren Aufgaben. Ich konnte zu jeder Zeit die Schwestern oder Ärzte mit Fragen löchern, die nie weggewischt wurden. Waren sie auch noch so doof. Die Fragen meine ich natürlich.
Allerdings war diese Stationsschwester auch ganz anders als sämtliche Leiterinnen der übrigen Stationen.
Wir wurden ganz normal behandelt, bekamen sogar etwas von den Geschenken und Trinkegeldern ab (ich dachte mich tritt ein Pferd)
Gelegentliche gemeinsame Frühstücke fanden mit Schülerinnen statt, und wir wurden nicht in der Zeit zum Betten auswaschen geschickt. Der Umstand, dass “normal” behandeln erwähnenwert ist, lässt schon tief blicken.
Der glücklich Zustand hielt sieben Monate an. Von mir aus hätte er ewig dauern können, wenn nicht gewisse Vorausetzungen hätten sein müssen.
Um nämlich zum Examen zugelassen werden zu können, brauchte man eine bestimmte Anzahl von Geburten. Die erfüllte ich bei Weitem nicht.
Wir mußten darüber Protokoll führen, im sogenannten Dammschutzbuch. Und meines war ziemlich leer.
Die Lieblinge der Schulleiterin hatten ihr Soll übererfüllt. Ich natürlich nicht. Natürlich war ich damit nicht alleine, aber es fühlte sich so an.
Zwischenprüfungen und meine sonstigen Beurteilungen waren nicht zu beanstanden. Nur meine Moral.
))
Einige Mädels mit wesentlich schlechteren Arbeiten, sind nie durchgefallen. Da wurden aber auch alle Augen zugedrückt.
Ich muss aber sagen, dass wir immer alle zusammenhielten. Naja gut, bis auf wenige Ausnahmen, die es immer gibt. Leider bin ich nie dahintergestiegen, wer genau die Informantin war. Da kamen Mehrere in Frage.
Ich hatte einen neuen Freund, 10 Jahre älter als ich und auch noch geschieden. Das ging ja gaaaaaaaaaaaaar nicht!!! Die Achtundsechziger waren wohl total an der Schule vorbeigelaufen.
